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Gillots Vogelfelsen

Wormser Straße 82 – 55276 Oppenheim

Der Vogelfelsen erzählt eine Legende in Form eines Hauses: „Ex Finibus Terrae“.
Darstellung in der Fensterverglasung der Südfassade:

Die Legende vom „VOGELFELSEN“

WIDMUNG
Den wunderbaren gefiederten Sängerchören am sonnigsten Bogen
des Rheins und ihrem Schutzpatron.

PROLOG
Sonnenfinsternis vom 11. August 1999

„EX FINIBUS TERRAE“ :
(über die Grenzen der Erde hinaus)

Es geschah vor dem Millennium, als der Gesang der Vögel im Rheintal
verstummte. Betäubende Stille legte sich wie ein Wattekissen über die
Vogelparadiese des Schwemmlandes entlang der Flussufer bis
hinüber in die Gärten und Anlagen der nahen menschlichen
Ansiedlungen.

Erdrückt von Leid und Seelenpein, welche sie durch die Menschen
erlitten hatten, war den gefiederten Sängern mit dem Lebensmut auch
die Freude am Singen abhanden gekommen.

In tiefster Not kamen sie eines Tages zusammen an einer
verschwiegenen Stelle hinter dem Gemäuer aus Steinen der alten
Sebastianskirche zum GROßEN RAT. Sie entschieden, den
lieben Gott um Hilfe zu bitten. Möge er ihnen den heiligen Franziskus
zu Hilfe schicken an den Rhein. Alle hatten große Verehrung
für den heiligen Franz, denn ihre Eltern hatten sie gelehrt, dass dieser
Heilige schon in ihrer eigenen Vogelsprache gesprochen und gepredigt
hatte.

Der liebe Gott erbarmte sich ihres Flehens und verhieß den Vögeln
den ersehnten Besuch des heiligen Franziskus am Rhein. Der
Besuch solle durch ein planetarisches Zeichen angekündigt
werden, damit ihnen noch Zeit bliebe, alle die vielen wichtigen
kleinen Geschäfte zu betreiben, die erledigt werden müssen, um
den gebührenden Empfang eines so hohen Gastes vorzubereiten.

Und das versprochene Zeichen geschah. Nach einer Zeit großer
Erwartung und Ungeduld, in der Mitte eines heißen Hochsommertages
vor dem Millennium, begannen allmählich die Schatten zu verblassen
und nächtliche Dunkelheit senkte sich über die Erde. Am Himmel war
der Vollmond vor die glühende Sonnenscheibe getreten und versperrte
den lebenspendenden Strahlen den Weg. Für eine bange Weile
kam das Leben auf der Erde zum Erliegen.

Der gute Mond zog weiter, die Schatten kehrten zurück und
Menschen und Kreatur erlebten an jenem Tag die Gnade
des zweiten Sonnenaufgangs. Die Vögel aber erkannten,
dass das überwältigende Schauspiel am Firmament das
Vorzeichen war, mit welchem ihnen der Besuch des heiligen
Franziskus angekündigt werden sollte.

Voreilige begannen eifrig herumzustöbern und nach den
festlichsten und glänzendsten Gewändern zu suchen und andere
übten sich schon in den feierlichsten und frömmsten Liedern, denen
sie schon als Kleine ihren Eltern und Großeltern zugelauscht hatten.
Doch ihre Geduld sollte noch auf eine lange harte Probe gestellt
werden.

Der Altweibersommer überzog das Land mit seiner edlen Patina.
Rotgolden leuchtende Blätter und silbrig glänzende Spinnenfäden
mahnten unerbittlich, dass die Zeit des Abschieds und der
großen Reisen gekommen war. Schon bald würde der kalte Boreas
dürres Laub über die Stoppelfelder jagen und die ersten Schneeflocken
tanzend von der Zeit der langen Nächte und der einsamen fernen
Lichter künden. Nun waren die bergenden engen Höhlen und Nischen
gefragt, welche Schutz und kuschelige Wärme bieten konnten.

Die Natur unterzog alle Geschöpfe einer lange währenden harten
Prüfung, bis allmählich die Tage wieder länger wurden. Mit Licht und
Wärme kehrte auch wieder das Leben zurück in die Landschaft.
Der erste zarte grüne Schimmer wich einem so nie erlebten
Feuerwerk aus bunten Blüten und zarten und betörenden
Düften, mit welchen der erste Frühling das junge Jahrtausend
begrüßte und zugleich auch den erschöpften Heimkehrern von den
großen Zügen aus den fernen Winterquartieren in diesem Jahr einen
besonders herzlichen Empfang in der Heimat bereitete. Und so hätte
der alljährliche Kreislauf des Lebens wieder seinen gewohnten Verlauf
genommen, wenn nur nicht immer noch die bedrückende Stille über
dem Land geherrscht hätte. Selbst das Angesicht des Frühlings hatte
die Vogelscharen nicht zum Singen bewegen können.

Aber eines Tages war alles ganz anders. Ein fulminanter
Sonnenaufgang hatte die Frühwachen schon in seinen Bann
gezogen und scheinbar schwerelos über dem Horizont schwebend
kündigte die gewaltige, zu früher Stunde schon hellgolden gleißende
Sonnenscheibe, einen bedeutsamen Tag an. Spannung und
Vibrieren erfüllten die Luft wie sonst nur in der Mitte der heißesten
Hochsommertage. Vom fernen Dienheim trug der frische
Morgenwind in feinen Schallwellen ein silberhelles Geläut herüber
zum Oppenheimer Berg, die vereinten Stimmen von St. Josef und
St. Bonifaz. Der Weckruf wurde aufgenommen vom sonoren Geläut
des alten Franziskanerklosters St. Bartholomae und bald darauf
erhoben auch die Glocken des ehrwürdigen St. Katharinen Doms
ihre gewaltigen Stimmen. Wie ein mächtiges Kirchenschiff legte sich
ein Klanggewölbe aus festlichem Glockengeläut über das stumme
Land zwischen den beiden Ansiedlungen.

Ungewohnte Betriebsamkeit herrschte auch am alten Kirchengemäuer.
Die aufmerksamen kleinen Wächter, welche seit den Tagen des
GROßEN RATS abwechselnd rund um die ehrwürdige
Versammlungsstätte ihren Dienst geleistet hatten, wurden gewahr,
dass sie nicht mehr alleine waren. Ein kleines stilles Männlein im
schlichten braunen Rock lehnte, tief in sich versunken, in einem der
oberen Fenstergesimse.

Franziskus ist da! Unser hoher Besuch ist eingetroffen! In Windeseile
verbreitete sich die Nachricht über das ganze Land. Und schon
kamen sie in Scharen aus allen Richtungen angeflattert, angewatschelt,
eingeschwebt und versammelten sich, dicht aneinander gedrängt, im
großen Kreise hinter dem alten Gemäuer, denn ein jeder wollte am
besten und am meisten hören von dem was Franziskus zu ihnen
sprechen würde. Angelockt von der großen Unruhe fanden sich
auch die ersten Menschen auf der Straße vor dem Gebäude ein.

Als Franziskus endlich sein Haupt leicht anhob zog sofort ehrfürchtige
Stille ein in die Runde und als er mit leiser und ruhiger Stimme zu
reden anfing versuchten alle, ihm jedes seiner Worte direkt von den
Lippen abzulesen. Und Franziskus sprach alsdann mit so bewegenden
Worten, dass er sogar jene erreichte, welche den Vögeln in der
Evolution Jahrmillionen vorausgeeilt waren und seitdem als Steine
im Fels geschlummert hatten. Selbst jene begannen sich zu regen und
zu räkeln und nahmen auch an dem großen Ereignis teil.

Franziskus sprach von der allgegenwärtigen unendlichen Liebe Gottes
zu seinen Geschöpfen, in der auch die gesamte Vogelwelt mit
eingebunden und in welcher kein Grashalm, kein Federchen und nicht
das kleinste Sternchen am entferntesten Ende der Milchstrasse
vergessen sei. Die Menschen ermahnte er, ihre große Verantwortung
für die Kreatur nicht zu vergessen, welche Gott ihnen anvertraut hatte.
Franziskus rief die Menschen und Kreaturen auf zur Liebe und
Achtung untereinander, denn nur durch Liebe können alle Gegensätze
überwunden und der Wille Gottes erfüllt werden. Schließlich erweckte
er in seinen gefiederten Zuhörern wieder den Lebensmut indem er sie
für die Zukunft seines besonderen Schutzes und seiner immer
spürbaren Nähe versicherte.

Als Franziskus schließlich zu Ende kam und allmählich wieder den
Blicken der Versammelten entschwand brach ein Jubelsturm los aus
tausenden aufgeregter Vogelstimmen und die ganze versammelte
Gesellschaft hob sich langsam, wie eine dichte Wolke, in die Luft und
stob plötzlich in alle Himmelsrichtungen auseinander.

Und seitdem ertönen die reinsten und schönsten Vogelsänge der Erde
aus den feuchten Rheinauen bei Oppenheim, zum Lobe Gottes, zu
Ehren des heiligen Franziskus und zur Freude aller Menschen. Das
alte Gemäuer aber, an welchem das große Ereignis stattgefunden
hatte, wird seitdem „Vogelfelsen“ genannt.

EPILOG
Die Legende vom „Vogelfelsen“ wurde aufgeschrieben als Botschaft
an die später geborenen, welche am unmittelbaren Geschehen um das
Millennium nicht teilgenommen haben. Dabei könnte sich die Frage
aufwerfen, ob diese wunderbare Erzählung vielleicht noch gar keine
Legende ist, sondern noch eine Geschichte.

In der Schule haben wir gelernt, dass in Legenden nur vergeistigte
Wesen vorkommen, die schon lange nicht mehr lebend auf unserem
Planeten herum wandeln. Unter dem Eindruck der Geschehnisse war
aber versehentlich versäumt worden, einen Vorfall zu schildern,
welcher für die Beurteilung des besonderen Wesens einer Legende
von Bedeutung ist.

Beim GROßEN RAT hatte es nämlich unfreiwillige Zuhörer gegeben.
Vater und Sohn, sie schäumten den Wein nebenan in den Höhlungen
des Oppenheimer Berges. Unruhe und lautes Klagen hatten ihre
Aufmerksamkeit erweckt. Zutiefst betroffen traten sie in die Mitte
der großen Runde und sprachen: „Wir sind unfreiwillige Zeugen
geworden von eurem großen Leid und erschüttert über
das, was unseresgleichen über euch gebracht. Aber wir können euch
helfen, denn wir sind kundig im Fügen von Steinen. Wir wollen für
euch aus dem Gemäuer der alten Kirche eine Stätte
schaffen, würdig, euren hohen Besuch zu empfangen“.

Schon am nächsten Tag machten sie sich ans Werk mit ihren Getreuen,
stets aufmerksam überwacht von einigen besonders baukundigen und
gewitzten aus der Vogelschar, damit denn ja nichts schief ginge und
die Arbeiten nicht ins Stocken kämen. Und weil viele fleißige Hände
bald ein frohes Ende bereiten wurde das gemeinsame Haus bald im
Sinne der Vorstellungen aller fertig gestellt und von nun an richteten
alle ihre Erwartungen nur noch auf die bevorstehenden Ereignisse.

Vater und Sohn aber wandeln noch immer auf unserem Planeten
herum. An manchen Abenden, nach besonders arbeitsreichen
Tagen, sitzen sie in gemütlicher Runde mit ihren Getreuen hinter
dem „Vogelfelsen“, laben sich am schäumenden Wein und lauschen
den volltönenden Abendliedern der Vögel. Nicht selten kommen
sie dabei ins Schwärmen in Erinnerung an die Ereignisse um das
vergangene Millennium.

Mitunter auch nehmen aufmerksame Spaziergänger nachts beim
Vorbeistreifen entlang der Efeubewachsenen Mauern am oder aus
einer der kleinen Steinhöhlen im „Vogelfelsen“ ein zartes Fiepen wahr.
Dann können sie sicher sein, dass ein kleiner gefiederter Schlafgast
gerade ein Träumchen erlebt, in welchem gewiss soeben der
heilige Franziskus vorkommt.

SCHLUSSWORT
Also dürfen Sie nun für sich selbst entscheiden, ob die wundersame
Erzählung vom „Vogelfelsen“ noch eine Geschichte ist oder,
vielleicht für sie ganz persönlich, doch schon eine Legende.

Legende vom „Vogelfelsen“ © 2009 Gillot Sekt KG

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